Mittwoch, 3. Juni 2009

Was ist Alexithymie?


Die Bezeichnung Alexithymie ist aus griechischen Wörtern bzw. Silben zusammen gesetzt:
A = Verneinung, Hinweis auf einen Mangel
Lexis = Sprechen, Wort
Thymos = Gemüt, Gefühl

Deutsche Übersetzungen sind z.B.:
Ohne ein Wort für Gefühl
Nicht Lesen können von Gefühlen

Alexithyme Menschen haben also Schwierigkeiten, Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und Worte für Gefühle zu finden.

Es gibt eine Vielzahl von Aufzählungen der wesentlichen Merkmale von Alexithymie. Teilweise stellt sich der Eindruck ein, als hätten die Autoren keine geeigneten deutschen Übersetzungen bei verwendeten englischen Texten gefunden. So werden z.B. bodily sensations zu körperlichen Sensationen. Möglicherweise ist das auch der jeweiligen Fachsprache geschuldet. Erfreulicherweise gibt es Autoren, die das Verständnis erleichtern, indem sie von körperlichen Empfindungen schreiben.

Es wurden 4 charakteristische Merkmale für Alexithymie definiert. Ich gebe die Merkmale so wieder, wie sie meinem Verständnis unterschiedlicher Quellen entsprechen:

1.Schwierigkeiten, Gefühle zu erkennen und diese von körperlichen Empfindungen zu unterscheiden, die durch emotionale Erregung hervorgerufen werden (difficulty identifying feelings and distinguishing between feelings and bodily sensations of emotional arousal)
2.Schwierigkeiten, die eigenen Gefühle gegenüber Anderen zu beschreiben (difficulty describing feelings to other people).
3.Reizgebundene, realitätsorientierte, faktenzentrierte Denk- und Sprechweise, mit wenigen emotionalen Komponenten (stimulus-bound, externally oriented cognitive style).
4.Eingeschränkte Vorstellungskraft, die sich z.B. in einem Mangel an Phantasie äußert (constricted imaginal processes, as evidenced by a paucity of fantasies).

Punkt 1. bereitet mir Verständnisprobleme.
Klar ist, dass nicht aussagt wird, dass alexithyme Menschen keine Gefühle haben. Sie erleben auch emotionale Ausbrüche, z.B. Wut. Sie erkennen aber häufig Ursache und Qualität nicht.

Ich verstehe auch, dass Alexithyme bei körperlichen Empfindungen die Ursache in der Regel nicht bei bestimmten Gefühlen suchen, sondern äußere Gründe anführen. Sie weinen nicht aus Rührung, sondern weil eine Tränendrüse entzündet ist usw.

Ich verstehe aber den Unterschied nicht zwischen Gefühlen und „körperlichen Empfindungen, die durch emotionale Erregung hervorgerufen werden“ bzw. was damit ausgesagt werden soll. Ich dachte, Gefühle sind körperliche Empfindungen, die durch emotionale Erregung hervorgerufen werden.

Punkt 2. ist einfacher. Wenn ich ihn nicht total falsch verstehe. Aber schon die Schwierigkeiten bei Punkt 1. belegen, dass Probleme bei der Beschreibung von Gefühlen auftreten.

Punkt 3. verstehe ich so, dass der Anstoß über ein Thema nachzudenken oder zu sprechen, praktisch immer von Außen aus der realen Welt kommt. Es wird in der Regel auf äußere Einflüsse reagiert. Es wird nicht über die eigene (Gefühls-)Welt nachgedacht oder gesprochen.

Punkt 4. bedeutet nach meinem Verständnis, dass auch die Phantasie immer auf Realitäten aufbaut. Diese Realitäten werden variiert und evtl. weiter durchdacht. Es treten aber keine spontanen, überraschenden Wendungen auf.
Träume sind z.B. sehr konkret. Es wird oft sehr detailliert geträumt, z.B. über tägliche Erlebnisse oder Gewalt. Traumelemente wie Symbole, Verdichtungen(?) und Verdrängungen(?) (symbolization, condensation, and displacement) fehlen. Typische Träume sind „Auto waschen”, „Lebensmittel kaufen“ usw.

Diese und nur diese 4 Merkmale sind als Eigenschaften der Alexithymie definiert. Sie sind die entscheidenden Kriterien, anhand derer geprüft wird, ob Alexithymie vorliegt. Es sind jedoch keine Merkmale, die eindeutig vorliegen, oder nicht vorliegen. Die Merkmale sind bei unterschiedlichen Personen verschieden stark ausgeprägt. Auch bei nicht alexithymen Menschen treten diese Charakterzüge von Zeit zu Zeit auf.

Alexithyme erleben diese Züge aber oft sehr stark und fast ständig. Dadurch werden das persönliche und das soziale Erleben eingeschränkt. Auf andere Menschen wirken Alexithyme teilweise emotions- bzw. gefühllos. Alexithyme wiederum haben Schwierigkeiten, die Emotionen und Gefühle ihrer Mitmenschen richtig zu deuten. Hierdurch können leicht zwischenmenschliche Konflikte und Missverständnisse entstehen.

Ein häufiges Missverständnis ist, dass Alexithyme Gefühle grundsätzlich nicht verbal ausdrücken können und das sie nicht einmal anerkennen, dass sie Gefühle haben. Schon früh fiel Medizinern auf, dass Alexithyme ängstlich sein können, Depressionen haben können usw. Betroffene können diese Gefühle aber, über einige wenige Adjektive hinaus, nicht ausführlich beschreiben.

Entscheidend ist, dass Alexithyme ihre Gefühle kaum differenziert erleben. Das schränkt ihre Möglichkeiten stark ein, ihre Gefühle auseinander zu halten und zu beschreiben. Sie erleben sich deshalb von ihren Gefühlen abgeschnitten und haben Probleme, Beziehungen zu anderen auf zu bauen. Alexithyme haben oft Schwierigkeiten, positive Gefühle zu erleben.

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